Steirischer Herbst 07
Begrüßungs-Rede am 29.9.07
Begrüßungs-Rede zur Eröffnung der Gleisdorfer Station des Steirischen Herbst in der Stadtbücherei Gleisdorf
Guten Tag.
Ich beginne mit einem epistemischen Caveat von Wolf Singer. Also mit einer erkenntnistheoretischen Warnung:
Zitat:
„Wir können nur erkennen, erdenken, uns vorstellen, was die kognitiven Leistungen unserer Gehirne zu fassen erlauben.
Diese kognitiven Leistungen verdanken sich evolutionären Prozessen, für die nur jene Aspekte der Welt relevant waren, die für Überleben wichtig sind.
Folglich müssen unsere kognitiven Leistungen begrenzt und eklektisch - aus etwas Vorhandenem zusammengestellt, gesammelt - sein, und sie sind es…“
Das müsste heißen, bezogen auf Kunst: „Was i net kenn, des nimm i net wahr…“
Musik: wir hören, es gefällt, oder auch nicht - und MusikerInnen erkennen komplexe Strukturen, Tonarten, Kadenzen…
Malerei: wir sehen, es gefällt, oder auch nicht, und Eingeweihte erkennen Stil, Epoche, Bedeutung & Aussage, Technik, Botschaft…
Objektkunst: wir sehen, es gefällt, oder…?!
Und dann noch: Prozesshafte Kunstformen: Viele Menschen sind, glaub ich, noch nicht einmal imstande, den Prozess oder die Prozesse oder deren Vernetzungen wahrzunehmen…
Ein weiteres Zitat
(ebenfalls aus „Wolf Singer: Philosophische Implikationen der Hirnforschung“)
„Alle mentalen Funktionen sind emergente Eigenschaften komplexer neuronaler Interaktionen.“
Also: Die Neuronen interagieren, und als Quasi Nebenprodukt kommen dabei mentale Funktionen heraus.
Sind auch die Ergebnisse der in uns vermuteten künstlerischen Kreativität solche Beiprodukte?
Wer ist also SchöpferIn des Geschaffenen??
Zitat Fortsetzung:
„Dennoch sind mentale und neuronale Prozesse nicht identisch und bedürfen verschiedener Beschreibungssysteme.
Viele der als mental bezeichneten Phänomene kamen erst durch die Interaktion zwischen menschlichen Gehirnen in die Welt, sind also soziale Realitäten.“
Hier setzt mein Hausverstand versuchsweise wieder ein:
Soziale Realitäten.
Wir erschaffen Realitäten.
Wir generieren.
Wir erfinden.
Nur: Das womit wir erschaffen generieren, erfinden, könnte auf mentalen Phänomenen beruhen, die erst dadurch (und folglich auch im Laufe der Zeit) entstanden sind, dass wir in der Interaktion, in unserem sozialen Umgang, im Miteinander, viel mehr - und viel mehr allgemein brauchbare und verständliche - Wahrheiten, gemeinsame Sichtweisen, individuelle Realitäten erzeugen.
Noch eine Anmerkung zum Begriff des Codes.
Ein Code, ein Zeichensystem kann ebenso nur wahrgenommen werden, wenn man Antennen dafür besitzt.
Gerade kürzlich wäre mir beinahe ein fataler Fehler unterlaufen: In einem Spiel mit Zahlen und Buchstaben hätte es geschehen können, dass ich mich sehr weit in die Symbolik der Neonazis hinein verlaufen hätte - ohne es zu wissen.
Glücklicherweise kann man im Internet auch solches vorbeugend recherchieren - ansonsten wäre ich womöglich von Kennern des Codes einer Gruppe zugerechnet worden, der ich bei allem was mir wichtig ist niemals angehören wollen würde.
Zitat
„Ensembles sind dynamisch konfigurierte, relationale Konstrukte. Wie ein Script bedürfen sie eines Codes, der definiert, wie die Symbole miteinander verbunden sind.“
Ja, auch dieses Zitat kommt aus Wolf Singers Vortrag über die philosophischen Implikationen der Hirnforschung.
Codes definieren, wie Symbole miteinander verbunden sind, sie geben aber auch Anleitung zum Verstehen - oder sind stolz machendes geheimes Wissen.
In diesem Sinne bleibt mir die Hoffnung: Martin Krusche und die Crew, alle Beteiligten und Fans mögen die bisher geleistete schöpferische Arbeit - die ich sehr schätze und bewundere - in die angesprochene Richtung weiter führen.
Next code: LOVE - auf dass wir den Code verwenden, erkennen und damit vielleicht eine weitere Instanz unserer neuronalen Verknüpfungen eröffnen und erweitern: Hin zu Bedingungslosigkeit, Toleranz, Verständnis und Liebe.
Über Grenzen hinweg und mit exponentieller Verbreitungsgeschwindigkeit.
PS: Mein Dank an alle gilt natürlich auch im Namen aller Beteiligten von Seiten der Gemeinde und geht auch an den Steirischen Herbst, vertreten durch die Intendantin, Frau Kaup-Hasler.
PS2: (Soll natürlich keine Werbung für eine Spielekonsole sein, an die aber spätestens jetzt alle denken, denen dieser Code geläufig ist)
Noch ein bissl zum Nachdenken: Wenn für mich Toleranz so wichtig ist, dass ich keine Intoleranten aushalte, wie tolerant bin ich dann??
(c) Hannes W. Felgitsch - Gleisdorf, 2007-09-29