Hirnforschung, Neurobiologie & Co

veröffentlicht in: Die Tagesmütter Frühlingsseiten, März 2010

Heutzutage entkommt niemand diesem Thema. In allen Medien finden sich Artikel über Erkenntnisse der Gehirnforschung, neueste Entdeckungen der Neurobiologie und eine Unzahl von Studien zu den spannendsten und verwirrendsten Themen.
Persönliche Betrachtung einer Entwicklung

Wieso erst jetzt? Das Interesse am Gehirn ist seit Jahrtausenden groß, und je nach Feinheit der Untersuchungsmethoden haben (antike) Wissenschaftler dem Gehirn mehr oder weniger passende Funktionen zugeschrieben. Ich erinnere mittels eines Zitates aus der Zeitschrift „Gehirn & Geist“ an Aristoteles (384-322 v. Chr.): „Übrigens hielt der große Aristoteles, ja, DER Aristoteles, das Gehirn insgesamt für nichts weiter als eine schleimige, wässrig-kühle Drüse, die die Hitze des Geistes, die vom Herzen her kam, kühlen sollte.“ Und weitere Jahrhunderte wurde an toten Tier- und Menschengehirnen seziert, geschnippelt, mikroskopiert, präpariert und diskutiert, und man kam nicht weiter. Einen Teildurchbruch erreichte man, als man begann, bei PatientInnen, die sich einer Operation am geöffneten Schädel unterziehen mussten, mittels dünner Drähtchen und einer leichten elektrischen Spannung im Gehirn (welches selbst keinen Schmerz dabei empfindet) herumzustochern. Die dabei ausgelösten Zuckungen, Reaktionen und Empfindungen gaben grob Auskunft über Zuordnungen, Areale, körperliche Zusammenhänge.

Wir sind unser Gehirn – in steter Wechselwirkung

Einiges ist inzwischen klar: Die Neuronen in unserem Kopf stehen für etwas – sie repräsentieren etwas: unsere Erfahrungen, Gelerntes, Geübtes. Wir sind unser Gehirn, und es ist plastisch, veränderungsbereit und bis ins hohe Alter aktiv und „nachwachsend“. Dort, wo wir etwas lernen, häufiger tun, regelmäßig nutzen, entwickeln sich die Synapsen: Sie werden größer, dicker, aktiver. Zu jeder Zeit finden in unserem Kopf „Umbauarbeiten“ statt, besonders deutlich sichtbar, wenn man z.B. eine Gliedmaße verliert: Areale, die für dessen Steuerung zuständig waren, werden mit neuen Funktionen umbesetzt. Wie konnte man dies beobachten? Nun, in den letzten Jahren wurden bedeutende Fortschritte in den bildgebenden Untersuchungsverfahren erzielt, was dazu geführt hat, dass man den menschlichen Gehirnen quasi „beim Denken und Fühlen“ zusehen kann.

Einer der populärsten Neurowissenschaftler und gleichzeitig auch einer der eifrigsten Vortragenden, Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer, beschreibt die frühere Forschung so: „Das Arbeiten an in Scheiben geschnittenen toten Gehirnen ist ungefähr so aufschlussreich, wie wenn man ein Handy in hauchdünne Scheiben zerschnitte, unters Mikroskop legte und dann erfahren wollte, wie es im Betrieb funktioniert.“ Spitzer ist einer jener Forscher, der sehr gern und sehr häufig Aufnahmen zeigt, auf welchen man sieht, welcher Gehirnbereich aktiv ist.

Wie funktionieren nun diese Methoden: Es gibt zwei hauptsächlich verwendete Techniken, das PET-Verfahren (Positronen- Emissions-Topographie) und die MRT (Magnet-Resonanz-Tomographie). Das PET-Verfahren zeigt den lokalen Glukose- Stoffwechsel und damit die Aktivität der Neuronen an. Die MRT zeigt den lokalen Sauerstoffverbrauch mit guter lokaler Auflösung an. Ob jedoch das hochtechnisierte Abbilden tatsächlich die wahre Methode ist, dem Geist auf die Schliche zu kommen, wird von manchen Neurowissenschaftlern bezweifelt.

Interessant ist es jedenfalls, wenn Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer in der Sendereihe vom BR-alpha des Bayrischen Rundfunks „Geist & Gehirn“ Fragen wie diese zu beantworten versucht: Wie lernt unser Gehirn? Wie funktionieren Wahrnehmung und Denken? Wie wirken Gefühle? Die Sendungen sind professionell aufbereitet, bringen eine Vielzahl von Studien und immer wieder neue Erkenntnisse aus aktuellster Forschung. Eine spannende Folge mit dem Thema „Aufmerksamkeitsstörung“ gerade für die Arbeitsbereiche in der Kinderbetreu - ung wird am 19. März 2010 ausgestrahlt. Zu finden unter: http://www.br-online.de/ br-alpha/geist-und-gehirn/index.xml

Spitzer gehört auch zu jenen Forschern, die sich nicht scheuen, der Unterhaltungs- und Medienindustrie den Kampf anzusagen und die Zulassungsstellen (Altersfreigabe FSK) heftig zu kritisieren. Denn:

Bildschirmmedien sind Gift für unsere Kinder

Ausschnitte aus Studienergebnissen zum Thema Medienkonsum und dessen Auswirkungen, zu finden auf dem Video „Vorsicht Bildschirm“ und in dem gleichnamigen Buch. Erhöhter Fernsehkonsum im Alter zwischen zwei und vier Jahren führt zu Aufmerksamkeitsstörungen mit sieben Jahren. Zuviel Bildschirmmedienkonsum begünstigt: Übergewicht, Lese- und Rechtschreibschwächen, höhere Gewalt bereitschaft (bei entsprechenden Inhalten), generell schlechteres Bildungsniveau und niedrigere Schulabschlüsse.

Das grundlegende Problem ist jedoch die Funktionsweise der Gehirnentwicklung. Sie passiert gewissermaßen von hinten unten (Stammhirn, „Reptiliengehirn“) nach vorn oben (Frontallappen, „Denkhirn“). Der Beginn liegt ganz am Anfang unseres Lebens, bildlich gesprochen auf einer Decke aus Pulverschnee. Dort entstehen gebrauchsabhängige Spuren, nach und nach in mehreren Etagen, bis im Alter von zirka 20 bis 23 Jahren Werte, Einstellungen und Haltungen fertig ausgebildet sind. Was aber, wenn die grundlegenden Spuren falsch, unscharf, verschwommen und fehlerhaft angelegt sind? Alle weiteren Ebenen bauen auf den grundlegenden Erfahrungen und Bahnungen auf – und weit unten eingebrannte Defizite wirken sich dadurch auf alle weiteren Entwicklungsstufen aus!

Gerade hier kommt der Praxis bei gut ausgebildeten Tagesmüttern und -vätern allergrößte Bedeutung zu: Je mehr Gelegenheit (Klein-)Kinder haben, die Welt mit allen Sinnen zu erfassen, Bewegung zu machen, Gemeinschaft zu erleben und die Natur kennen zu lernen, desto eher könnten schädliche Effekte des Bildschirmmedienkonsums ausgeglichen oder gemildert werden. Auch in meiner Arbeit mit schwer vermittelbaren Jugendlichen musste ich die Erfahrung machen, dass viele Eltern gar nicht wissen, was sie ihren Kindern auf Dauer antun, wenn sie ihnen unkontrollierte Beliebigkeit im Umgang mit Bildschirmmedien zumuten!

Ein anderer, aber keinesfalls nachrangiger Ansatz zu den Entwicklungen in der Neurobiologie wird uns von Dr. Gerald Hüther vermittelt.



Verbundenheit und Wachstum – Basisvoraussetzungen des Lebens

Zahlreiche Studien und Untersuchungen haben dazu geführt, dass man zwei Grundbedürfnisse erkennt, die jedem Menschen zugrunde liegen: Verbundenheit und Wachstum. Dies erklärt sich aus den allerersten, auch vorgeburtlichen Erfahrungen eines Menschen: Wir waren in den Anfängen unseres Lebens ganz eng mit der Mutter verbunden, zuerst geschützt in der Gebärmutter, dann, unterstützt durch das „Bindungshormon“ Oxytozin, beim Trinken an der Mutterbrust und weiter geborgen im Schoße der Familie. Und jeden Tag sind wir ein kleines Stück über uns hinaus gewachsen. Starre Bindung hemmte das Wachstum, und unbeschränktes Wachsen führte dazu, dass wir „den Boden unter den Füßen verlieren“. Beides zugleich, oder im ausgewogenen Wechselspiel, kommt am leichtesten im Zustand bedingungsloser Liebe zustande! Wenn uns eine dieser beiden Grundvoraussetzungen fehlt, kann es zu Mangelgefühlen und einer Steigerung der negativen Gefühlsspirale kommen, die wir dann nur mehr mit den verschiedensten Ersatzbefriedigungen kompensieren können!

In den letzten Jahren finden sich im systemischen Ansatz der Neurobiologie auch sehr klare Erkenntnisse, durch Studien belegt, durch Bilder sichtbar gemacht und von den Forschern ausgesprochen. Eine klassische Untersuchung, die sowohl von Spitzer als auch von Hüther zitiert wird, ist die Aufnahme der aktiven Zentren im Gehirn beim virtuellen Autofahren im Gehirnscanner: Eindeutig ist zu erkennen, dass beim konzentrierten Selbstfahren weitaus weniger Aktivität im Gehirn herrscht als beim Mitfahren als entspannter Beifahrer: Man kann mehr wahrnehmen, sich auf mehr einlassen, wenn man sich nicht konzentrieren muss. Dies führt auch zu der Schlussfolgerung, dass im „Erfolgsmodus“, also wenn man etwas konzentriert tut, das man gut kann, wenig Aktivität und wenig Kreativität zu merken sind.

Angst machen könnte uns folgende Entwicklung, die von Gerald Hüther sehr bildhaft beschrieben wird. Wir haben es in den letzten beiden Generationen geschafft, äußere Regeln, Rituale und auch Verhaltensvorgaben so weit abzuschaffen, dass an deren Stelle eine Beliebigkeit des Tuns und Konsumierens getreten ist. Und weil es auch keine äußeren Zwänge (Krieg, Hunger, Not etc.) gibt, gibt es nichts, was unseren Kindern Halt bietet. Wie bei einem Käfer, den man seines Chitinpanzers beraubt hat, „fließt“ die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen in x-beliebige Richtungen – denn wir haben offensichtlich vergessen, ihnen zu helfen, ein inneres Gerüst (Haltungen, Werte) zu entwickeln, an welchem sie sich aufrichten und wachsen können.

Ein weiteres Thema betrifft die Angst: Angststörungen sind das tägliche Brot aller Therapeuten, und daher sind Angstzustände auch sehr gut erforscht: Angst vereitelt beinahe jedes Lernen wie auch das Abrufen des doch Gelernten, und nicht von ungefähr kommen aus der Ecke der Neurobiologen deutliche Signale der Unzufriedenheit mit Schul- und Lehrsystemen, die sehr auf Disziplinierung, Erfolgszwang und Notendruck aufgebaut sind.

Sport und Musik!

Laut Spitzer und Hüther wären gerade Musik und Sport zwei Fächer in den Schulen, an denen man nicht sparen darf. Musik ist eines der besten Beruhigungsmittel, schaltet zugleich das Angstzentrum im Gehirn aus und das Lust-Belohnungs- Lernzentrum an, bringt Kindern Selbstwirksamkeit, Zusammenwirken und Durchhaltevermögen bei. Sport wiederum sorgt dafür, dass, auch im erwachsenen Gehirn, wieder neue Schösslinge von Nervenzellen wachsen, die dann beim Lernen aktiviert und ausgebaut werden können. Und was passiert bei uns? Kinder, Jugendliche und Erwachsene sitzen passiv vorm Bildschirm, in den Schulen werden die Fächer Sport und Musik geradezu stiefmütterlich behandelt.

Fazit

Einerseits muss man, wenn man den populärsten Vortragenden und Kapazitäten Glauben schenkt, die Neurobiologie als Vorbotin einer gesellschaftlichen Revolution betrachten, von der konzentrierten Konkurrenz zum entspannten Miteinander, andererseits sind WissenschafterInnen und ForscherInnen nicht so weit, dass man wirklich sagen könnte, man hat die Geheimnisse des Lebens, Denkens, Fühlens, die Orte von Verstand und Seele, und letztlich das Geheimnis, das den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmacht, verstanden oder gar geklärt.

Eine schöne Erkenntnis ist die Aussage von Prof. Wolf Singer: „Wirkliche Weiterentwicklung auf geistiger Ebene findet nur im Dialog, im Miteinander von Menschen statt.“ Und ob nun der freie Wille noch frei ist oder schon wieder befreit, darüber werden sich die ExpertInnen sicher noch lange streiten.

Wir haben jedenfalls die Freiheit, für uns und unsere Kinder das Richtige zu tun! Neugierig sein auf das Leben, Natur genießen, Vielfalt in den Erfahrungen und Verbundenheit, wahrscheinlich auch mit einem Wiedererstarken von Gemeinsamkeiten und familiären Ritualen werden dafür sorgen, dass wir weiterhin ein Land mit zufriedenen und sozialen Menschen sind!

Hannes W. Felgitsch
Selbständiger Trainer und Erwachsenenbildner, Referent in allen Ausbildungslehrgängen bei TAGESMÜTTER STEIERMARK


Quellenhinweise und Empfehlungen

Themenbände: „Braintertainment: Expeditionen in die Welt von Geist und Gehirn“ und „Hirnforschung für Neu(ro)gierige: Braintertainment 2.0“.

Cornelia Nitsch/Gerald Hüther: „Wie aus Kindern glückliche Erwachsene werden“.

Manfred Spitzer: „Vorsicht Bildschirm“.

http://www.physik.uni-rostock.de/aktuell/Ring/ Neurobio_Gehirnfo_Zusfass.pdf, von Jürgen Einfeldt.

http://www.auditorium-netzwerk.de

„[werner.stangl]s arbeitsblätter“, zum Thema „Ergebnisse neuerer Gehirnforschung“, unter http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/GEHIRN/ GehirnForschung.shtml.

Zeitschrift „Gehirn & Geist“, auch http://www.gehirn-und-geist.de


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