ANNA ist ein widerliches Ding...


Vom Umgang mit einer lieben, ständigen Begleiterin.

Ja ja, lieber Leser, liebe Leserin, wir haben eine gemeinsame Bekannte. Sie ist widerlich, hinterlistig, tut uns oftmals nichts Gutes – und wir: Wir hängen an ihr.

Dass diese ANNA manchmal auch direkt notwendig ist, um sich in verschiedenen Situationen zurechtzufinden, ist ihre andere Seite.

Gerade in den letzten Monaten (ehrlicherweise über große Strecken in meinen letzten fast 50 Lebensjahren) hat sie mich begleitet, gegenwärtig ist sie vor allem dadurch besser zu bemerken, weil ich in beruflichen Aufgaben direkt mit ihr zu arbeiten hatte und habe.

Dort entstanden auch Aussagen wie: „Sie ist eine richtige Drecksau, fies und gemein, gut getarnt und oftmals taucht sie von vielen Seiten auf“.

Wir konnten auch verschiedene Eigenschaften identifizieren, oder verschiedene „Tätigkeiten“, mit denen sie uns den Alltag leicht und damit auch schwer macht.

• ANNA liebt es, zu verallgemeinern. Wenn einmal etwas so ist, dann ist es immer so. Wenn einige Menschen so sind, dann sind alle so…

• ANNA liebt auch das Ich: Alles und jeden sieht sie vom eigenen Standpunkt, so wie sie denkt müssen alle denken und was sie als richtig empfindet ist generell so und in keiner anderen Art richtig.

• ANNA hasst Statistik. Sie glaubt an die ewige Manipulation und kann es nicht ertragen, dass sie Teil der Statistik wäre: „Nein, bei mir ist es ganz anders, viel besser, nicht so schlimm“, sind ihre liebsten Abwehraussagen. Dabei vergisst sie: Wenn es bei ihr nicht so ist, dann muss es woanders noch viel schlimmer sein, damit der statistische Durchschnittswert zustande kommt…

• ANNA liebt 100%iges. Wenn sie etwas tun soll, dann will sie eine 100prozentige Erfolgsquote. Also keine Absagen, keine Wahrscheinlichkeit, sondern Sicherheit. Dass die einzige wirkliche Sicherheit in vielen Fällen die Sicherheit NULL ist, also: „Wenn ich es nicht tue dann habe ich mit Garantie das Ergebnis Null“ führt dazu, dass sie Vieles gar nicht versucht. Aus Angst vor dem Misserfolg, der möglicherweise in einigen Fällen VOR dem Erfolg kommt.

Nun, Sie haben es sicher erraten, ANNA ist die ANNAHME. Wir nehmen etwas an, hinterfragen es nicht und wundern uns, dass unsere Mitmenschen mit unseren Handlungen nicht zurechtkommen, sich brüskiert fühlen, uns ganz einfach nicht beipflichten und so weiter…

Ja, wenn wir annehmen, dass etwas so IST wie es sich in unserer Vorstellung darbietet, dann vergessen wir, auf die anderen einzugehen, zu fragen und zu klären.

UND: Wir schießen uns dabei ein Eigentor. Denn was immer wir mit einer festen, vorgefassten Meinung angehen (ein anderer Begriff für unsere liebe ANNA), wird auch unsere Handlungen und unser Verhalten bestimmen, und in selbem Maße auch das Ergebnis.

Wenn eines Verkäufers ANNA ihm einflüstert: „Junge Kunden haben kein Interesse an einer Pensionsvorsorge“, dann wird er in diesem Kundenkreis auch nix verkaufen. Obwohl es sehr wohl junge Menschen gibt, die sehr genau wissen, was sie brauchen und ihr Leben planen und im Griff haben. Beispiele dieser Art gibt es unzählige.

ANNA ist aber auch manchmal nützlich. Der Philosoph Hans Vaihinger beschreibt in seinem Buch „Die Philosophie des Als Ob“ unter anderem die nützliche Annahme von der Willensfreiheit des Menschen, die man dazu braucht, um überhaupt ein Rechtssystem etablieren zu können.

Meine persönliche ANNA sitzt auf meiner linken Schulter. Dauernd flüstert sie mir in Ohr, was ich zu denken oder zu tun hätte. Zum Glück gelingt es mir inzwischen, sie immer wieder mit einem Handstreich von der Schulter zu fegen. Und zu fragen statt anzunehmen, zu klären statt voreilig Schlüsse zu ziehen.

Vielleicht gelingt es ja Ihnen auch, denn sonst müsste meine ANNA wieder flüstern, „die anderen können das eh alle nicht…“

Viele liebe Grüße aus dem fernen Schliengen, Ihr Hannes W. Felgitsch





PS: Nachdenken kann weh tun – und ANNA von der Schulter boxen kann zu Erkenntnissen führen…


(C) 2000 -2010 HWF - Alle Rechte vorbehalten

Diese Seite drucken