Genug der Scheinheiligkeit
Genug der Scheinheiligkeit
Wann haben Sie zuletzt einem richtigen Miesmacher, einem Lügner, einem Tatsachenverdreher oder ähnlichen Subjekten gegenübergestanden?
Innerlich kochend, wütend über dessen soeben erlebte Impertinenz und nach außen cool, von wunderbarer „Social & Political Correctness“ würgen Sie dann hervor: „Ich fühle mich nun schon etwas irritiert“ oder „Wie darf ich das verstehen“ oder „Da kommt es wahrscheinlich auf die Sichtweise an…“
Möglicherweise haben Sie es sogar geschafft, die Angriffe und Beleidigungen auf eine andere Ebene zu transferieren (bleiben wir doch sachlich) und die Scheinheiligkeit mitgespielt?
Gratulation! Und wie werden Sie sich abreagieren? Eine Gruppentherapiestunde? Sportexzesse? Oder doch lieber ein Seitensprung?
Nennen Sie die Dinge beim Namen-
auch wenn Sie befürchten müssen, dass Sie dann aus der bigotten Dorfgemeinschaft ausgeschlossen werden?
Das Unaussprechliche aussprechen: Können wir das noch? Wer getraut sich, folgende Sätze zu sagen und dazu zu stehen?
„Ich halte Sie für einen rückgratlosen Lügner, falsch, berechnend und kaltblütig!!“
„Mit Ihnen will ich nichts zu tun haben, bleiben Sie mir vom Leib.“
„Grüßen Sie erst mal bevor Sie mich anreden“
Oder: „ich will mit dir ins Bett“ statt „Toll, wie du dich beruflich weiter entwickelt hast“
Oder: Ich will, dass Sie mein zufriedener Kunde werden, und dass wir beide davon profitieren!“
Diese und viele andere klare Aussagen könnten stark machen und für eindeutige Verhältnisse wie auch ebenso klare Grenzen sorgen.
Politik als Brutkasten der Scheinheiligkeit
Wirklich grauenvolle und kaum mehr zu überbietende Beispiele für ein kybernetisch vernetztes System von scheinheiligem „Hintenrum“ und glanzpolierter öffentlicher Information liefert uns die Politik, im Kleinen wie im Großen. Z.B.:
Alle Parteien wünschen für sich die absolute Mehrheit und damit die MACHT, etwas zu gestalten. (und die furchtbare Niederlage der „Gegner“) Keine sagt es. Zumindest nicht so klar.
Die Regierungsleute machen alles richtig aus eigener Sicht und alles falsch aus Sicht der Opposition. Aber nur so lange bis sich die Machtverhältnisse umgekehrt haben: Dann wird aus Falsch Richtig und aus Richtig Falsch…
Gegen viele gute Projekte wird nur deswegen gestimmt, weil man als Opposition dagegen sein muss.
Wenn man an die Macht will, dann sucht man Fehler im Leben und Handeln des „Gegners“ und vermarktet sie möglichst medienwirksam. Schlechtreden als Siegesrezept…
Und in teuren Kursen von ebenso teuren Beratern lernt man, wie man den politische Gegner rhetorisch kaltstellt, provoziert, zu unbedachten Äußerungen verleitet, vom Thema ablenkt, in Sackgassen manövriert, ausbootet etc.
Wissen Sie was das Schlimmste ist? Ich bin selbst ein Mini-Politiker. Ich erlebe solche Situationen selbst. Und ich bin selbst oft zu feig oder zu bequem, die Dinge beim Namen zu nennen. Weil ich berufliche Nachteile befürchte (wie sie mir schon angedroht wurden), weil ich nicht ins Wespennest stechen will, weil ich mir Streit und verhärtete Fronten sparen will…
Weil ich auch scheinheilig und oft ein Weichei bin. Da hält sich der Stolz über mein Handeln in Grenzen…
Jetzt wissen Sie’s!
Und wie geht es Ihnen? Jetzt?
© HWF: Nachdenken kann weh tun. 07/2009